Sprachursprung
Diese Seite beschäftigt sich mit dem Ursprung und der Evolution der menschlichen Sprache. Über den Sprachursprung existieren essentiell divergierende Theorien.
Über das Thema
Im Zentrum der Diskussion steht meistens die Frage, ob von einem einmaligen Akt (-->Monogenese) auszugehen ist, bei dem eine einzige Ursprache (auch: Protosprache) entstand, oder ob sich die Schritte hin zur menschlichen Sprache mehrfach und unabhängig an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten herausgebildet haben könnten, was man als Polygenese bezeichnet.
Der Unterschied zwischen Tierkommunikation und der menschlichen Sprache führt zum Kontinuitäts-Paradox. Die evolutionäre Zeit war nach einigen Linguisten zu kurz, um ein so komplexes Gebilde wie die menschliche Sprache graduell aus der Tierkommunikation abzuleiten.
Ich werde auf diesen Seiten zwar keine expliziten Wahrheiten verbreiten können, dennoch sehe ich mich auf der Seite eine graduellen Evolution der menschlichen Sprache als Kommunikationssystem. Hiermit widerspreche ich der in der Linguistik vorherrschenden Meinung, dass die Strukturen der Sprache zum Großteil genetischen Hintergrund hätten und das Kommunikationssystem "Sprache" erst nach dem mentalen System "Sprache" komme.
Ich habe zu diesem Thema im weiteren Sinne meine Magisterarbeit verfasst. Als Einführung in das Thema ist sie sicherlich nicht geeignet, doch der geneigte Leser kann zumindest erfahren, was es an Möglichkeiten und Methoden mittlerweile gibt.
Welchen Sinn hat die Sprachursprungs-Forschung?
Nachdem der SPIEGEL vor einigen Jahren das Titelthema "Der Anfang war das Wort. Wie der Mensch die Sprache erfand und dadurch zum Menschen wurde" brachte, tauchte dort im Forum die Frage auf, wie man sich in derartig desolaten wirtschaftlichen Zeiten mit solchen abstrakten Fragen beschäftigen könne.
Ich bin natürlich der Meinung, dass niemand daran gehindert werden soll, sich über den Ursprung der Sprache seien Gedanken zu machen. Damit ist aber noch lange keine Forschung finanzierbar. Deshalb ein paar Punkte, weshalb die Sprachursprungsforschung eigentlich äußerst förderungswürdig ist und als Katalysator für weitere - auch wirtschafliche - Entwicklungen angesehen werden kann.
Vielleicht kennenn Sie die Geschichte vom Golem, "a creature, particularly a human being, made in an artificial way by the virtue of a magic art, through the use of holy names" (Idel, 1989, p. Xvii). Der Golem ist also ein künstlicher Anthropoide – mit einer kleinen Ausnahme. Er kann nicht sprechen: "although the techniques proposed to create an anthropoid are substantially linguistic, the result – namely, the artificial man – is considered to be a speechless being." (Idel 1989, p. 264).
Der Golem wurde also in einem Wortschwall erschaffen und bleibt trotz eines Zusammenhangs zwischen der Technik und dem Resultat, welcher in der jüdischen Mystik oft zu existieren scheint, stumm. Warum kann der Golem also nicht sprechen?
Idel weist in seinem Buch darauf hin, dass der stumme Golem ein Spiegelbild seines Erschaffungsprozesses sei. Nach den meisten Golem-Texten scheint es unmöglich zu sein, mit einem Golem zu kommunizieren, obwohl linguistische Faktoren seine Erschaffung dominieren. Doch nach einigem Nachdenken tritt ein Faktor ans Tageslicht: Obwohl Sprache als Teil der Genese benutzt wird, handelt es sich nicht um eine kommunikative Form der Sprache sondern um Rezitation von Formeln und Namen. Es ist nicht das reguläre und gesprochene Hebräisch, das vom Erschaffer angestimmt wird, um der Kreatur Leben einzuhauchen, sondern vielmehr mathematische Kombinationen, die zufälligerweise etwas bedeuten, obwohl (und das ist wichtig) der Kontext bedeutungslos ist.
Mir fallen gleich eine Menge Interpretationen zu diesem Sachverhalt ein. Ich will zu Beginn einfach die Behauptung aufstellen, dass es mit heutigen künstlichen Anthropoiden mithin immer noch das gleiche Problem gibt. Anstatt ihnen kommunikativ die Sprache nahe zu bringen, werden sie mit und mathematisch anmutendem Formelsalat vollgestopft – und bleiben stumm und unkommunikativ.
Mit diesem kleinen Exkurs will ich darauf hinweisen, dass ein sprechender Computer wirtschaftlich wahrscheinlich immer noch ein Knüller wäre. Und die Linguisten haben in den letzten fünfzig Jahren zwar Fortschritte gemacht, doch bis heute sind die meisten linguistischen Programme (und auch Forschungsansätze) völlig kontextfrei. Die Sprachursprungsforschung - die interdisziplinär ist - könnte diese Probleme lösen und wird es in den nächsten Jahren auch.
Das (Selbst-)Bild des Menschen
Wie groß die Unsicherheit der meisten Menschen bezüglich ihrer Rolle als "Krone der Schöpfung" auch 150 Jahre nach Darwin noch ist, zeigt sich immer wieder am Thema "Sprachursprung". Es verhält sich hier ähnlich wie mit der Politik. Was niemand hören will und sich noch leugnen lässt, das wird auch so lange wie möglich geleugnet.
Vom Verständnis der jeweiligen Sprachursprungtheorien ist es deshalb wichtig, diese jeweils in ihrem Zeit-Kontext zu betrachten. Der gute alte Herder, zum Beispiel, stritt sich im 18. Jhh noch über die Frage, ob die Sprache von Gott gegeben sei. Mittlerweile hat Gott in den Wissenschaften keinen guten Leumund mehr und so ersetzt ihn Chomksy mit einer spontanen deus-ex-machina-Mutation. Das Prinzip "Der Mensch ist doch was besonderes" bleibt somit unter dem Deckmantel der neueren Erkenntnisse immer noch erhalten.
Meine Maxime bei diesem Punkt lautet generell: Jede Spezies hat ihre eigene spezifische Form der Kommunikation. Und für mich ist Sprache in erster Linie Kommunikation, lässt sich also auch mit der Kommunikation anderer Tiere vergleichen. Somit hoffe ich auch, ein Bild des Menschen zu vertreten, welches auch andere Probleme so zu lösen helfen kann. Letzteres klappt mit verlogenen und verbogenen Anschauungen und Theorien nämlich sicher nicht.
Was ist eigentlich Sprache?
Wir fragen hier nach dem Ursprung und der Evolution von etwas, was wir nicht definieren können. Das eigentliche und erklärte Ziel der Linguistik ist zu wissen, was menschliche Sprache ist. Dazu muss man wissen, wie sie sich entwickelt hat und wo sie herkommt. Man muss auch eine Antwort geben können auf die Fragen: Warum können Affen mit Menschen nicht spontan reden, warum können Wolfskinder die Sprache nicht mehr erlernen, wenn sie später gefunden werden und überhaupt überleben. Gerade Wolfskinder zeigen, wie wichtig die Anwesenheit von anderen Menschen für das Erlernen von Sprache ist:
"Für die Wissenschaft sind sie von besonderem Interesse, weil man sich von einer Analyse ihres Entwicklungsstands beim Eintritt in die Gesellschaft und ihrer weiteren Entwicklungsmöglichkeiten Aufschluß darüber ver-sricht, welche menschlichen Fähigkeiten angeboren und welche durch Erfahrung erworben sind. Berühmtes Wolfskind: Kaspar Hauser; er erwarb als einziges Wolfskind voll ausgebaute Sprache einschließlich der Schriftsprache." (aus: Metzlers Lexikon Sprache).
Literatur:
Idel, Moshe (1989): Golem. Jewish Magical and Mystical Traditions on the Artificial Anthropoid. State University of New York